Johannes Behrends / Dezember 2008

zensur_monitorLang lebe das Internet! Wie hat das Internet uns in den letzten Jahren nicht das Leben versüßt: Telefonbücher, Kochrezepte, der aktuelle Busfahrplan, Routenplaner, Filme, Lieder ... alles online! Man kann sich das Leben ohne Internet kaum noch vorstellen. Sehr hilfreich sind außerdem die Bewertungen anderer User. Liefert der Onlineshop zügig? Welche Bewertungen hat der ebay-Verkäufer bisher? Wie wurde meine Lehrerin von anderen Schülern bewertet? Herrlich, man muss die Leute gar nicht mehr nach ihren Meinungen fragen, sie teilen sie uns einfach mit, ungefragt!

Das ist einerseits praktisch. Ich persönlich habe zum Beispiel immer das Gefühl, dass mich der Verkäufer in einem Geschäft über's Ohr hauen will. Natürlich will er mir den teureren Fernseher und nicht den besseren verkaufen. Das Gleiche gilt auch für meine Bank. Wer sagt mir denn, dass der empfohlene Aktienfonds wirklich der beste ist? Wie schön, dass mir andere Menschen mitteilen, wie ihre Erfahrungen mit dem Produkt oder dem Service bisher waren. Meine Erfahrungen kann ich wiederum im Internet kundtun, und das anonym! Ich würde mich beispielsweise niemals trauen, dem Verkäufer in einem Laden zu sagen, dass seine Beratung miserabel und an Unhöflichkeit nicht mehr zu übertreffen ist. Und einigen ungeliebten Lehrern hätte ich in der Schule niemals erzählt, dass ich sie für die größten Verlierer diesseits und jenseits des Äquators halte. Ein Schulfreund von mir tat genau das. Er sagte es der Lehrerin zwar nicht ins Gesicht, aber er ließ einen Zettel in der Klasse rumgehen, auf dem seine Meinung deutlich zum Ausdruck kam. Die Lehrerin fing den Zettel natürlich ab, und mein Freund musste sich mit einem Blumenstrauß entschuldigen. Mal abgesehen davon, dass wir uns monatelang über ihn lustig machten. Das war mir selbstredend eine Lehre. Aber heutzutage muss ein Schüler es dem Lehrer ja nicht mehr persönlich sagen. Er kann seine Meinung anonym jedem auf dieser Welt mitteilen. Wie praktisch. Hätte mein alter Freund diese Möglichkeit gehabt, er hätte sich das Geld für den Blumenstrauß sparen können. Niemand muss mehr fürchten, dass der Verkäufer beim Elektronikfachmarkt den Fernseher nicht reparieren will, weil man ihn zuvor beleidigt hat. Und Repressalien müssen Schüler von heute auch nicht mehr fürchten. Was will ein Lehrer denn gegen die öffentliche Anprangerung machen? Jeden Schüler in der Klasse mit einer 6 benoten oder von jedem einen Blumenstrauß verlangen?

Womit wir allerdings bei »andererseits« wären. Andererseits schafft das Internet eine Plattform, um Meinungen vollkommen anonym darzustellen. Das ist zwar gut, und das anonyme Surfen wird im Übrigen sogar vom Bundesverfassungsgericht gefördert, aber die Grenze zur Schmähkritik oder sogar Beleidigung ist immer dann schnell überschritten, wenn man keine Sanktionen befürchten muss. Natürlich sollte es jedem Menschen offen stehen, seine Meinung frei zu äußern, gerne auch anonym. Ein Unternehmen muss es sich nunmal gefallen lassen, wenn Verbraucher seine Waren als Schund betiteln. Auch ein Lehrer muss es sich grundsätzlich gefallen lassen, wenn seine Schüler ihn für unfähig und ungerecht halten. So ist das eben in einem Land, in dem das Recht der freien Meinungsäußerung das höchste Gut ist. Immer öfter wird die freie Meinungsäußerung aber missbraucht, um verhasste Nachbarn zu beleidigen, die Ex anzuprangern, Mitschüler zu mobben oder sich eben an den vermeintlich unfairen Lehrern zu rächen. In keinem anderen Land wird von dieser Möglichkeit so stark Gebrauch gemacht wie in Deutschland.  Die Deutschen, ein Volk von Denunzianten! Mit freier Meinungsäußerung hat das Ganze dann meist wenig zu tun. In den überwiegenden Fällen kann man gegen diese neue Form der Anprangerung allerdings nur wenig unternehmen. Beleidigt Sie Ihr Nachbar beispielsweise auf der amerikanischen Seite »rottenneighbor.de«, so müssen Sie dies Wohl oder Übel hinnehmen. Der Betreiber wird einen Teufel tun und derartige Einträge löschen - davon lebt die Seite schließlich. Aber wer sagt denn, dass Sie den Denunzianten nicht mit den eigenen Waffen schlagen dürfen? Bitten Sie doch einfach eine Handvoll Freunde, etwas Positives über Sie zu schreiben. Wer achtet dann noch auf den einen negativen Eintrag?

Bei all den Erleichterungen und Annehmlichkeiten, die uns das Internet beschert hat gibt es also auch Schattenseiten, mit denen wir alle leben müssen. Die Schnelllebigkeit des Internets hilft uns allerdings dabei, denn meist interessiert sich nach ein paar Monaten niemand mehr für alte Einträge in Foren oder dergleichen. Die Möglichkeit, Statements auf der ganzen Welt mit einem Klick verbreiten zu können, veführt zwar leider nur allzu schnell dazu, diese »Macht« zu missbrauchen. Bei alledem sollten wir jedoch nicht vergessen, dass das Recht zur freien Meinungsäßerung tatsächlich eines der bedeutensten Rechte in einer Demokratie ist, und man mit der Einschränkung dieses Rechts sehr vorsichtig sein sollte. Oder, um mit es mit den Worten Voltaires zu sagen: »Ich verabscheue, was sie sagen, aber ich werde ihr Recht, es zu sagen, bis zum Tod verteidigen.«

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